Fachlicher Hintergrund

 

Frühe körperliche, seelische und sexuelle Misshandlungen, sowie Vernachlässigungen durch wichtige Bindungspersonen führen zu Entwicklungstraumatisierungen. Ihre, oft über die gesamte Lebensspanne sich auswirkenden Schädigungen werden verursacht durch die Überforderung, ein stabiles, konsolidiertes Selbst (Kohut) zu entwickeln. Bei fehlenden inneren und äußeren Ressourcen und ausreichender Resilienz werden Selbst- und Objekterfahrungen fragmentiert gespeichert, äußerlich erkennbar durch unterschiedliche Formen der Dissoziation (Van der Kolk/ Nijenhuis).

Das Kind internalisiert und speichert einerseits seine Erfahrungen mit der traumatisierenden Bindungsperson, sowie andererseits seine eigenen Reaktionen und Überlebensstrategien zum Zwecke des Überlebens in traumassoziierten Fragmenten im Selbst. Dabei werden neuronale fragmentierte traumaassoziierte Netzwerke  gebildet, die währen der oft jahrelang stattfindenden Entwicklungstraumatisierung ständig verstärkt und nach ihrer Beendigung aufrecht erhalten werden. Diese traumaassoziierten Selbstfragmente können wir als Überlebensleistung des Kindes verstehen und würdigen, auch wenn sie nach Beendigung der Traumatisierung während der gesamten Lebensspanne zu erheblichen Belastungen und Schädigungen führen und verändert werden müssen.  Unter erneuten Belastungen  werden diese Fragmente reflexartig aktiviert und das Erleben erscheint so, als befände man sich noch in der traumatischen Situation von damals. Die daraus folgenden Reaktionen sind gefärbt durch die gespeicherten Überlebensstrategien, obwohl die Entwicklungstraumatisierung oft lange vorbei ist.

Aufgrund einschlägiger Forschungsergebnisse und Erfahrungen aus der Praxis entwickelte sich die Erkenntnis, dass eine erfolgreiche traumatherapeutische Behandlung entwicklungstraumatisierter Personen diesen Entstehungshintergründen Rechnung tragen muss.

Aus diesem Grunde wurde die Methode der „Integration traumaassozierter Selbstanteile, ITS, © Elke Garbe über Jahre schrittweise entwickelt und fortlaufend aufgrund von Praxiserfahrungen und auf dem Boden neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse  weiterentwickelt. Sie  integriert verschiedene methodische Ansätze der unterschiedlichen Traumatherapiemethoden auf dem Boden eines tiefenpsychologischen, kreativen, entwicklungs- und bindungssorientierten Behandlungsansatzes. Sie beruht auf der Überzeugung, dass die Persönlichkeit und die gewählte Art des Überlebens individuell sind und immer das Ziel haben, Sicherheit aufrecht zu erhalten oder wieder herzustellen (Porges Stephen W.). Dabei wird die innere Welt und äußere Umgebung eines Menschen als ein sich ständig beeinflussendes und sich veränderndes System verstanden, welches sich über die Zeit aufgrund der jeweiligen Ressourcen und Belastungen (Risikofaktoren) ständig umschreibt. Traumatherapeutische Behandlungsmethoden müssen darauf abgestimmt werden. Vor allem für frühe, lang anhaltende Entwicklungstraumatisierungen durch Bindungspersonen muss nach Behandlungswegen gesucht werden, die der inneren Fragmentierung des Selbst, dem Bedürfnis nach Sicherheit und Überleben, der Angst vor und der Sehnsucht nach Bindung Rechnung tragen. In diesem Behandlungsansatz ist die Herstellung und Aufrechterhaltung der sicheren, tragfähigen therapeutischen Beziehung eine wichtige Grundlage.


Was ist ein kindliches Entwicklungstrauma?

Innerhalb der frühen Entwicklung ist das Kind aus Überlebensgründen auf mindestens eine einfühlende Bindungsperson angewiesen. Nur aus einem sicheren Bindungshafen heraus kann es nach und nach beginnen, Schritte in die Welt zu machen und sich diese erobern. Die Bindungsperson muss in der Lage sein, sich in das Kind empathisch einzufühlen und seine jeweiligen Erfahrungen mit der Welt mentalisierend zu begleiten. Dies ermöglicht die Entwicklung eines konsolidierten Selbst, welches sich aufgrund weiterer Erfahrungen differenzieren kann und somit zunehmend in die Lage versetzt wird, Belastungen mit einer gesunden Resilienz zu begegnen.

Ist diese Bindungsperson aber gleichzeitig eine Person, die Angst macht, die bedroht und schädigt (kindliche Misshandlungen, Vernachlässigungen), dann kann eine gute, stabile Entwicklung nicht gelingen. Da das Kind aber auf eine Bindungsperson angewiesen ist, um überleben zu können, muss es sich deren Doktrin unterwerfen, auch wenn sie traumatisierend wirken und Überlebensstrategien entwickeln, die zu vielfältigen Verwirrungen und Verwicklungen führen und schließlich darin münden, dass der Bindungsperson in seinen Überzeugungen und Handlungen recht gegeben werden muss. Das Kind muss sich unterwerfen, um die Bindungsperson als „gut“ zu erhalten. Dabei müssen eigene Wahrheiten als falsch und schlecht anerkannt werden.

„Unterwerfungsreaktionen“ von Kindern werden als Überlebensstrategien verstanden. Wenn Bindungspersonen nicht für die Sicherheit und Geborgenheit Verfügung stehen, sondern stattdessen Auslöser von Bedrohung und Not sind, können Kinder weder in einen sicheren Bindungshafen flüchten noch sich verteidigen. Sie müssen in einer ausweglosen Situation mit dem ganzen Organismus nach Überlebenslösungen suchen. Die daraus resultieren Strategien zeigen sich aber später in der Ausprägung verschiedenster Diagnosen, die von ihrer Symptomatik nicht unbedingt auf traumatische Vorerfahrungen hinweisen. Sie erschweren eine erfolgreiche Integration in gesellschaftlichen Bezügen und führen andererseits zu Stigmatisierung, Ausgrenzung und Reinszenierung. Weil Ursachen für diese „Störungen“ nicht ausreichend erkannt werden, kommt es nicht selten zu Fehldiagnosen und gescheiterten Behandlungsversuchen bei fortschreitender Chronifizierung.

Auf dem Hintergrund dieser wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisse ist die Überzeugung gewachsen, dass die Folgen einer Entwicklungstraumatisierung über die gesamte Lebensspanne Schädigungen hinterlassen können. Ihre Behandlung benötigt eine veränderte Form traditioneller traumatherapeutischer Vorgehensweisen. Die Methode der „Integration traumaassozierter Selbstanteile, ITS, © Elke Garbe ist ein Methode, die in der Praxis aufgrund von vielen Jahren Erfahrung entwickelt wurde und der Besonderheit der Behandlung entwicklungstraumatisierter Patienten und Klienten Rechnung trägt. Sie dient vor allem zur schrittweisen und ressourcenorientierten Annäherung an die therapeutische Verarbeitung früher traumatischer Erfahrungen und ermöglicht schließlich auch die Integration von Traumakonfrontationstechniken sollten diese dann noch nötig sein.

Siehe hierzu auch die kommentierte Literaturliste!